Wie gut geht es dir dort wo du stehst?


August 17, 2017 0 Kommentare

"Aber mit sowas habe ich ja umgehen gelernt. Unvorhergesehenes Managen. Situationen auch mal aushalten. Schließlich bewegt sich doch alles ständig. Das weiß ich ja. Ich bleibe souverän, lasse mir meine Überraschung nicht anmerken. Ich verteidige meine Position. Halte gegen."


Da war diese kleine Übung. Nur so für zwischendurch. Während meiner Coachingausbildung.
Wir sind in Italien. Coachingworkshops reihen sich aneinander. Es ist heiß und alle körperlich angenehm träge. Geistig wach.
„Steht mal alle auf.“ Keine Anweisung, die wir von unserem Trainer zum ersten Mal hören. „Verteilt Euch mal im Raum und sucht Euch einen Ort an dem Ihr Euch wohl fühlt.“
Langsames durch den Raum wandern, Dankbarkeit für die Abwechslung. Einige wandern zu den Wänden, andere in die Mitte des Raumes, einige suchen Platz, andere Nähe zu anderen. Ein kleines Grüppchen findet sich vor dem Ventilator.

 


Ich finde meinen Wohlfühlplatz mitten im Raum. Umringt von der Gruppe und dennoch mit Platz für mich und meine Komfortzone. Ja, hier fühle ich mich gut. Bleibe stehen und deklariere den Platz zu meinem.

 

Unser Trainer steht in einigem Abstand vor mir. Pickt mich aus der Gruppe. „Auf einer Skala von 1–10, wie gut geht es Dir dort wo Du stehst.“ Nunja, mir ist schon ein wenig warm und das Eis aus der Mittagspause sitzt mir noch etwas im Magen. Dennoch ist es „Eine gute 8.“. Er sammelt bei anderen Teilnehmern noch ein paar 8en und 9en ein.
Ohne Vorwarnung setzt er sich dann in Bewegung. Steht plötzlich direkt vor mir. Viel zu nah. Drückt mit seiner Schulter gegen meine. Überrumpelt mich und meine Komfortzone und versucht mich nach hinten wegzuschieben. Weg von meiner 8.
Ein bißchen sauer macht mich das schon.
Aber mit sowas habe ich ja umgehen gelernt. Unvorhergesehenes Managen. Situationen auch mal aushalten. Schließlich bewegt sich doch alles ständig. Das weiß ich ja. Ich bleibe souverän, lasse mir meine Überraschung nicht anmerken.

 

Ich verteidige meine Position. Halte gegen. Bewege nicht mal einen Fuß weg von meiner Position. Auch wenn ich dadurch gefährlich anfange zu schwanken, meine Zehen sich vom Boden lösen und ich auf den Fersen balancieren muss. Egal. Die Blöße gebe ich mir nicht. Halte mit purer Muskelkraft die Balance. Gegenhalten kann ich. Meine Position verteidigen auch.​

Meiner Frustration eine Stimme geben möchte ich dann aber doch. Ich scherze: „Naja, jetzt bin ich eher so bei `ner schlechten 3.“ Alles lacht. Witz gemacht. Kontrolle zurück in einer Situation, die mir zu entgleiten drohte. Ich hab’s halt drauf.

So dachte ich. Immer noch im Kampf mit mir um meinen 8-er-Platz bleibt mein Trainer ernst: „Ihr lacht. Aber schaut mal was sie macht. Sie verteidigt ihren Platz.“
“Tsss!” kommt es mir spöttisch über die Lippen. Ja, natürlich mache ich das. Es ist doch mein Platz. Meine 8. Die habe ich mir erarbeitet, sie gesucht, sie mir erobert. Und jetzt will er mich von ihr trennen? Mich vertreiben? Nicht mit mir! Dazu bin ich nun wirklich zu stark. Außerdem ist das hier nur eine doofe Übung.
Er steht bei mir. Fast schon auf dem selben Platz. Meinem Platz. „Wo ist Deine 8 hin?“
Was für eine blöde Frage. „Na, die hast Du mir doch kaputt gemacht.“ Ein paar Leute kichern… unsicher… worum geht’s hier eigentlich?

 

„Was machst Du dann noch hier?“

 

Die Frage trifft mich unvorbereitet. Sitzt. Nagel, Kopf. Autsch. Ja, was mache ich eigentlich noch hier? Ich verteidige eine 3… wo doch vorher noch eine 8 war. Meine 8.

„Folge Deiner 8!“ Ich schaue ins Leere. Versuche mich aus dem Kampf um meinen Platz zu lösen. Mich zu verabschieden vom Glauben dort meine 8 zurückzulassen. Zu verstehen, dass die 8 nicht mehr dort ist wo sie war, sondern weitergewandert ist und eine mickrige 3 zurückgelassen hat. Eine 3, die ich mir vorher niemals als Wohlfühlplatz ausgesucht hätte. Ich nehme meinen Mut zusammen, überrascht wie schwer mir dieser erste Schritt fällt. Halte die Luft an, mache einen Schritt rückwärts.
Gelöst von meinem Platz habe ich plötzlich wieder alle Möglichkeiten. Wo ist meine 8?

Ich mache das, was ich vorher schon gemacht hatte: Ich suche mir meinen Wohlfühlplatz.

Wo ist meine 8? Das weiß ich ganz genau. Denn es ist ja meine 8. Niemand außer mir kann mir sagen wo sie ist. Und es ist ganz leicht: Ein Schritt nach hinten. Ein Schritt zur Seite. Schulter leicht nach rechts gedreht. Und dort ist sie. Meine 8. Hat nur auf mich gewartet. Mehr als zwei Schritte und ein minimaler Richtungswechsel waren nicht nötig, um sie wiederzufinden. Ich stehe 50 cm entfernt von dem Ort an dem ich gestartet bin.

„Ihr habt Eure 8, 9 und 10 immer mit dabei.“ bringt er es auf den Punkt. „Sie hängt nicht ab vom Ort an dem Ihr steht.“ Stille im Raum.


Da war diese kleine Übung. Nur so für zwischendurch.

 

Danke an unsere Gastautorin Pia :-)

Mehr von Pia findet ihr auf ihrem Blog: @PiaOnTheMove




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