Ich bin so voller Müssen und Sollen, dass ich mein Wollen gar nicht mehr hören kann.


Oktober 13, 2017 0 Kommentare

Ich bin so voller Müssen und Sollen, dass ich mein Wollen gar nicht mehr hören kann.

 

Der Tag beginnt. Jeder Tag. Ich sollte erstmal joggen gehen… oder meditieren. Am besten beides. Ich weiß, das ist gut für mich. Oder Yoga? Sollte ich auch mal wieder machen. Vielleicht heute Abend. Heute muss ich früher bei der Arbeit sein. Wichtige Termine. Ich muss auch noch meiner besten Freundin schreiben, meine Mutter anrufen. Ich sollte diesen Artikel noch lesen, den ich gestern auf Facebook gespeichert habe.

 

Ich muss unbedingt mal wieder meine To Do Liste updaten. Meine Müssen-Liste ist nicht mehr auf dem neusten Stand. Ich muss doch wissen, was ich müssen muss. Sollte mir immer klar darüber sein, was ich sollen sollte.

 

Und sollte ich es mal vergessen, hilft mir meine Umwelt. Social Media, Werbung und die latest Youtube-Influencer helfen mir schnell wieder auf die Sprünge. Ich sollte mich wirklich wieder strikter vegetarisch ernähren - eigentlich vegan. Ich muss unbedingt die neuste Mental-Training-App ausprobieren. Ich muss noch einkaufen, zur Post, mein Auto tanken. Ich muss mich dringend mal wieder mit meinen besten Freunden treffen, zum angesagten Meetup des Monats gehen, wo einfach jeder hingeht und sollte mir wirklich mal langsam Gedanken über das Geburtstagsgeschenk meines Freundes machen. Ich sollte mal wieder Klavier spielen, mein Französisch auffrischen. Wohin geht eigentlich meine nächste Überseereise und wann war ich eigentlich das letzte mal so richtig feiern?

 

Sie ist unermüdlich: Diese Stimme in meinem Kopf, in der Tonalität eines Zahnarztbohrers und der Vehemenz eines Drill Sergeants, die natürlich nur mein Bestes will und mich deshalb direkt als erstes morgens anschreit: DU HAST NUR EIN LEBEN! VERSCHWENDE ES NICHT!

 

Und was verschwenden heißt, lerne ich jeden Tag auf’s Neue: NICHT die Welt bereisen. NICHT mindestens 4 Mal pro Woche Sport machen, um den perfekten Beachbody zu bekommen, oder es zumindest zu versuchen. NICHT auf dem Weg zum nächsten Schritt auf der Karriereleiter sein. NICHT bei den wichtigen Social Events meine Nase zeigen. NICHT auf dem neuesten Stand des Welt- und Freundeskreis-Geschehens sein. NICHT spontan bei jedem “Hey, was machst du heute Abend”-Anruf in die Highheels hüpfen und den Lippenstift nachziehen.

 

Zeit verschwenden. Bedeutungslos werden. Alles das tun, was auf Instagram und Co. keine Likes, und mir damit keine Bestätigung gibt, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn das ist doch eigentlich “the way to go”, oder?! Immer den Likes hinterher. Auf Like-Jagd muss ich mir keine Gedanken machen, was ich will.

Denn solange ich muss und soll, ist egal was ich will. Solange ich muss, muss ich endlich mal etwas nicht: Wollen.

 

Denn wollen ist unbequem. Unpopulär. Ehrlich. Echt. Nackt. Wollen kommt von mir. Nur von mir. Es zeigt mir wer ich bin, wer ich sein möchte, mein Innerstes, mein Wahrestes.

Und was, wenn mein Echtes, mein Selbst, mein Ich… was, wenn es der Welt da draußen nicht gefällt? Was, wenn ich Dinge will, die in der Welt der perfekten Fassaden und blank polierten Filter-CVs weniger, oder sogar gar nicht schillern? Keine Resonanz finden in einer Welt aus Lärm. Untergehen im Crescendo eines sich bis zum Zusammenbruch beschleunigenden Karussells aus Figuren und Masken. Einer Welt, die sich dreht, im wahrsten Sinne: Um sich selbst.

 

Und was, wenn ich nachschaue und nichts entdecke. Was, wenn ich gar nicht weiß, was ich will? Was, wenn ich nicht weiß, wer ich bin? Was, wenn ich loslasse? Schluss mache und mich verabschiede, aus der Hassliebe-Beziehung mit der Scheinorientierung aus Social Media und Konzernwahrheiten, die doch die einzige Orientierung ist, die ich habe?

 

Dann sind es nur noch wir: Me, myself and I. Nur noch wir, die wir verlernt haben uns selbst zu liken und das als einziges Urteil anzuerkennen, das zählt. Wir, alleine, ohne Orientierung. Niemand, der uns sagt, was richtig ist, was falsch und was wir wollen sollen. Denn unsere Wollen-Stimme ist stumm. Zensiert über Jahre hinweg.

 

Also will ich lieber, was ich muss und was ich soll. Denn zu wissen, was ich wollen soll ist immer noch besser als nicht zu wissen, was ich wollen will.

 

Irgendwie will ich doch um die Welt reisen, Karriere machen, alle meine Freunde sehen, auf jeder Hochzeit tanzen, mein Leben genießen, schillern, funkeln, dazugehören. Und so macht man das doch, oder?

“Picture, or it didn’t happen”?!

Weltreise und Sabbatical: Die Prestigeobjekte der Gen Y. Uhren, Autos und 70 Stunden Wochen sind out. Travel-around-the-world-Tickets sind die neue Rolex.

 

YOLO - You only live once.

 

You only must once.

You only should once.

 

Müssen ist nicht wollen. Sollen ist nicht genießen. Ein Kalender voller Müssen und Sollen ist nicht Leben.

Ich habe sie fast vergessen. Und doch ist Wollen die Stimme in mir, die genau weiß, was Leben für mich bedeutet. Die Stimme, die jenseits aller Freizeitstress-Adrenalinwellen, Sozialkater und Verpassungsängste liegt. Die Stimme, die schon lange traurig und stumm in der Ecke steht und dabei zusieht, wie sich Discokugeln drehen, solange die Musik läuft. Wie Seifenblasen schillern und zerplatzen, um Platz zu machen für neue. Wie ich hoffnungsvoll Müssen und Sollen mit Wollen-Farbe überpinsele. Aus Angst nicht dazuzugehören. Aus Angst mein Leben zu verpassen.

Und während ich so pinsel, schiller und tanze, fotografiere, Filter setze, Likes, Events und Menschen sammle und ein Leben lebe, das jeder haben will und keiner hat - verpasse ich mein Leben.



Ich WILL den Wind in den Bäumen beobachten. Ich WILL einen ganzen Sonntag im Bett liegen und lesen. Ich WILL eine Tüte Chips auf der Couch essen und dabei meine Lieblingsserie gucken. Ich WILL in Jogginghose zum Kiosk laufen und mir Schokolade zum Nachtisch kaufen. Ich WILL Spaß bei der Arbeit haben. Und zwar jeden Tag. Ich WILL einen langen, entspannten Urlaub machen - Zuhause. Ich WILL auch mal nicht wissen, wie es mir geht. Ich WILL Abende Zuhause verbringen, weil ich alleine sein WILL. Ich WILL mit meinem Körper zufrieden sein, denn er ist der einzige, den ich habe. Ich WILL ein ganzes Wochenende bei meinen Eltern verbringen. Ich WILL keinen Plan haben. Ich WILL in den Tag hineinleben. Ich WILL ein gutes Gefühl dabei haben, zu tun und nicht zu tun was ich WILL.

 

Ich WILL, dass das Schönste an meinen Leben das Erleben meiner Erlebnisse ist. Nicht der Moment, in dem ich den Neid meiner Freunde in ihren Augen sehe, wenn ich von meiner Reise durch Indien erzähle. Nicht der nächste Stern in meiner Sport-App für “10 consecutive days”.

Nicht der Dopamin-Flash in meinem Gehirn, den ich beim steigenden Like-Count meines Fotoalbums auf Facebook bekomme.

 

Ob Rolex, Sabbatical oder Nachmittag auf der Couch:

Für wen lebe ich mein Leben? Will ich müssen, weil mir mein echtes Wollen zu viel Angst macht? Und was täte ich, wenn mein Leben nur mir gehörte?

 

In diesem Sinne: YROLO - You really only live once.

Eure PIA

 

Mehr von Pia findet ihr auf ihrem Blog: @PiaOnTheMove




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